Home Sweet Home…

Lang, lang ists her, dass wir uns diesem „klassischen“ Spot zugewendet hatten- der Reiz anderer Gewässer und neuer Herausforderungen war einfach größer…
Anfangs scheint uns unser Wohnzimmer doch etwas übel genommen zu haben, dass wir so lange nicht mehr vor Ort waren, aber am Ende haben wir uns dann doch wieder versöhnt…

Meine Oberschenkel  brennen, und die Füße tun mir weh, als ich an diesem diesigen Donnerstag morgen endlich wieder in meine Straße einbiege. „Gleich hast dus geschafft, noch schnell duschen, und dann endlich ans Wasser!“ motiviere ich mich auf den letzten Metern selbst.
Nachdem ich die Woche über ziemlich faul war, was meinen Sport betrifft, hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, die obligatorische Joggingrunde wie viel zu oft in den letzten Wochen zu Gunsten des Fischens abzuschenken- ein Mindestmaß an Disziplin muss man sich dann irgendwie erhalten, auch wenn die Verlockung, gleich nach dem Aufstehen einfach „abzuhauen“ schon wieder viel zu groß war.
Ich passiere meinen schon fertig bepackten Golf, und nach einer erfrischenden Dusche bin ich kurz drauf auf dem Weg ans Wasser, wo mich Martin bereits erwartet- es ist wieder mal Zeit, wir sind wie die jungen Hunde, „nur schnell raus mit den Ruten“.
Nach weiteren 90 Minuten schweisstreibender Schlepperei und einem „Rudermarathon“ sitzen wir dann mit zwei kühlen Getränken in der Hand, die in Bayern als Grundnahrungsmittel gelten, vor unseren Zelten, und „starren“ mit einem fast schon apathischen Grinsen auf die Wasserfläche. Was haben wir uns hier schon geärgert, aber die positiven Erinnerungen sind die, die besser im Gedächtnis verankert sind…

Wie üblich bringt die erste Nacht erstmal gar nichts ein, ausser ein paar Piepern. Martin landet in der Morgendämmerung des zweiten Tages unserer Session ein paar vorwitzige Weissfische, und es dauert bis abends gegen 0.00 Uhr bis ich an meinen Ruten überhaupt soetwas wie einen „Biss“ verzeichnen kann. „Mal wieder typisch“, denke ich mir, tagsüber gänzliche, allumfassende Ruhe, so dass man glauben könnte, den Piepern wäre der Strom ausgegangen, aber abends gehts dann los, und das komischerweise auch erst dann, wenn man den Schlafsack zugezogen hat und gerade am Einpennen ist…
Etwas missmutig suche ich meine Schuhe zusammen. Der linke Gummistiefel weigert sich beharrlich, unter der Liege hervorzukommen, so dass ich ihn mit sanfter Gewalt an meinen Fuss bugsieren muss- im „Ernstfall“ wäre wahrscheinlich jetzt schon „Game over“, weil ich viel zu lange brauche, um an die Ruten zu kommen…
Ich nehme Kontakt auf, und habe geringen, aber dennoch spürbaren Widerstand an der Rute- der Fisch zieht nach rechts, in ein Hindernis, und der Kontakt ist flöten. Mir bleibt nichts anderes übrig, als verduzt mein ruiniertes Vorfach einzukurbeln- hier ging ja was gewaltig schief, und in diesem Moment bin ich dem vermeintlichen Weissfisch für die „Trockenübung“ fast schon dankbar…
Das Vertrauen ist massiv angekratzt. Ich checke die letzten Meter auf der Schlagschnur, und entscheide mich kurzerhand, nochmal neu zu montieren, bevor ich besagte Rute wieder ins Wasser befördere- das ist alles nicht mehr verlässlich…
Gut eine halbe Stunde nach dem Piepen lieg ich wieder in meinen Kunstfaserfedern und bin stolz auf mich, das zweite Mal an diesem Tag Disziplin gezeigt zu haben: Im Dunkeln neu montieren ist nicht gerade eine meiner Lieblingstätigkeiten…

chris-18er-spiegler-02.05.Am Morgen unseres letzten Tages wird Chris von seinen Delkims jäh geweckt- endlich hat sich ein Karpfen an die Köder verirrt, und wie es typisch ist für dieses Gewässer, macht er erstmal ordentlich Druck. Chris und Martin schaffen es mit vereinten Kräften, den 18- Pfund Spiegler zu einem Landgang zu überreden- Chris grinst wie ein Honigkuchenpferd, als der heiss ersehnte erste Fisch endlich im Kescher ist.ML-25er-spiegler-02.05.
Die Aktivität der Fische über dem Futterplatz ist maximal- überall springt es, und klatscht es, man sieht Ringe von aufsteigenden Wasserbewohnern, die im Licht der ersten Sonnenstrahlen fast ein bisschen gespenstisch glitzern.
Ein zweiter Biss liegt in der Luft, aber entgegen der Erwartungen dauert es fast zwei Stunden, bis wieder ein Delkim losschreit- es ist meiner, und er reisst auch mich aus dem Schlaf, wie es sonst nur ein Eimer eiskalten Wassers könnte, den man mir in meinen Schlafsack schüttet. Der „Probealarm um Mitternacht“ verfehlt seine Wirkung nicht, im Gegenteil: Innerhalb weniger Momente stehe ich in meinen Stiefeln, habe meine Brille auf der Nase, kämpfe aber dann mit ein paar Ästen um die Freigabe des Bootes…
Meine Augen tränen, als hätte ich gerade einen 50er verloren, alles geht so schnell, dass ich wegen der grellen Sonne fast blind in der Gegend rumstolpere.
Wie ich es geschafft habe, das etwas wacklige Boot in diesem Zustand soweit auszubalancieren, ist mir ein Rätsel, meine Augen gewöhnen sich erst an das intensive Sonnenlicht, als ich draussen fast über dem Fisch bin. Der hat allerdings alles andere als Lust auf einen Besuch in meinem Kescher, und macht mich in meinem Boot zu seinem Spielzeug. Eine gefühlte Ewigkeit kriege ich ihn einfach nich vom Grund hoch, als es mir dann allerdings gelingt, ist er schnell im Kescher- ich freu mich wie ein Schnitzel, während ich die durch den Drill etwas vergrößerte Distanz zum Camp zurückrudere.

Die Waage bleibt bei etwas mehr als 25 Pfund stehen, und damit ist die Session dann auch schon zu Ende- es war schön, zu sehen, dass die in Fleisch und Blut übergegangenen Vorgehensweisen auch hier noch greifen…

Matthias (CarpX)

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