Skyfall

Seit Jahren ist der November bei mir irgendwie der „Monat der Zwiespalt“. Irgendwie ist bei mir irgendwann ab Mitte, Ende Oktober die Luft raus- die Motivation ist in dieser Phase der Saison normalerweise eher schwer für mich zu finden.
Aber 2012 ist alles anders. Juni/ Juli war ich berufsbedingt fischereilich kaum aktiv und kann eigentlich erst seit Ende August das Karpfenangeln wieder mit der nötigen Ernsthaftigkeit betreiben. Ich habe immer wieder beobachtet, dass in Zeiten beruflicher oder privater Mehrbelastung auch die Fänge nachlassen. Aber manchmal ist es tatsächlich besser, wenn man in so einer Situation nicht noch mitten in der Nacht aufstehen und einen Karpfen drillen muss- manchmal muss man vielleicht auch ans Wasser, um wieder eine Nacht durchschlafen zu können 😉

Mit dieser Einstellung kam ich im Prinzip auch am Freitag Nachmittag am Wasser an. Und trotz aller Motivation, auch hier meldete sich die Stimme des inneren Schweinehundes „Schau mal wie da der Wind geht! Das ist saukalt und ungemütlich! Jetzt kannst du noch ohne Schaden heim fahren!“.
Ich folgte ihr nicht. Vielmehr packte ich mein iPad in die wasserdichte Hülle, um sie mit Musik zu übertönen.

„This is the end- hold your breath and count to ten“

Ich grinse, während ich versuche, das Boot auf Kurs zu halten. „Das Ende? Ich fang doch grad erst an!“. In diesem Moment bin ich angekommen. FISCHEN ist angesagt. Wer weiß, wie lange das Wetter es uns noch erlaubt, an offenen Gewässern welchen Schuppenträgern auch immer nachzustellen. Ich halte kurz inne, und beschließe, diese begrenzte Zeit zu nutzen. Das GPS reisst mich aus meinen Vorsätzen „PIIIEP- Ankunft am Zielort!“ steht im Display. Ich lasse den Köder ins Wasser und klopfe mit dem Blei noch kurz den Grund ab. Dann gehts zurück in Richtung Ufer, während die Geflochtene zwischen meinen Finger durchzischt.

Nichtmal eine Stunde nach Ankunft liegen die Ruten. Und sie liegen PERFEKT. Wenn ich hätte wetten müssen, hätte ich auf die Linke getippt. Peter hat da vor Kurzem wirklich abgeräumt.

Zwei Stunden später ist es die rechte Rute. „Super, die weite! War ja klar!“. Aber heute kriegt ihr mich nicht klein. Der Akku des E- Motors ist voll. Und wenns drauf ankommt bin ich bereit und willens die Nacht über 30 Mal aufzustehen und immer wieder an genau der Stelle abzulegen. Ich bin motiviert bis an die Haarspitzen, als ich die Rute aufnehme. Ich tippe auf einen der kleineren, nachbesetzen Karpfen. Fehlanzeige. Ein schlangenförmiger Körper mit auffallend großem Maul belehrt mich eines besseren. Welskontakt. Kurz flammen mörderische Gedanken in mir hoch, aber der Zustand ebbt ab, als ich in den Kescher schaue:
Mein bisher größter Waller mit gut und gerne 120 cm! Da holt sich der Karpfenangler mit den zwei linken „Wallerhänden“ dann doch lieber nen Handschuh 😉
Ich verzichte auf ein Foto und so bin ich gute 20 Minuten nach dem Biss wieder auf der Liege. Wieder liegt der Köder perfekt. Dieses Mal hat es mich zwei Anläufe gekostet. Egal. Gerudert haben drei Propeller für mich, nicht meine Arme 😉

Ich brauche einige Zeit um wieder runterzukommen. „Vielleicht war das der letzte Drill des Jahres“. Hoffentlich nicht! Normalerweise sind Wallerbisse ein gutes Zeichen an diesem Gewässer- die Fische sollten noch aktiv sein…
Gnadenlos geht kurze Zeit nach dem Einschlafen der Receiver. Nicht zu ignorieren. Bei aller Motivation, ich brauche einige Momente um zu realisieren, was da gerade passiert. Ich habe einen Lauf. Einen lupenrein Lauf, der nicht mehr aufhört. Und habe verdammt noch mal nichts besseres zu tun, als mich zu fragen, in welchem Hotel man sich wohl so einen Krach bieten lassen muss :).

Kurze Zeit später stehe ich dann mit der Rute in der Hand im Boot. Der Motor schnurrt und bringt mich langsam, dosiert und kontinuierlich in Richtung Fisch. Ich schalte das Licht aus und genieße diesen Drill mit meinen verbleibenden Sinnen. Ich lasse mir Zeit. Mein Kopf fühlt sich immer noch an wie ein schwarzes Loch, der Biss hat mich offenbar voll aus dem Tiefschlaf gerissen. Instinktiv lockere ich die Bremse, als ich den Schlagschnurknoten durch die Ringe rasseln höre. Die DF biegt sich, als der Fisch offenbar erst kurz vor dem Boot realisiert, was da mit ihm passiert. Ich schalte die Kopflampe ein, bevor ich beginne, wieder Schnur aufzunehmen. So hat er Zeit sich an meine Leuchte zu gewöhnen- und mir wird etwas flau im Magen, als ich seinen Rücken von oben sehe…

Weitere 15 Minuten später stehe ich an der Ufer und freue mich. Es ist alles gut gegangen. Ich freue mich wie ein Wahnsinniger über die Landung des Fisches, und bemerke erst, dass es ein größeres Exemplar ist, als ich die Wiegeschlinge aus dem Wasser hieven will. Die Waage bleibt bei 18kg stehen. Wahnsinn! Das wäre ein wirklich krönender Jahresabschluss 😉

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Hoffen wir, dass das hier noch nicht „das Ende“ war, und wir 2012 noch zwei, drei Nächte zumindest vernünftig angeln können…
Matthias

CarpX

CarpX

Karpfenangler, Mechatronik- Ingenieur und Computerbegeisterter. Manchmal etwas cholerisch, meist aber lieb und umgänglich ;)

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